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"Sexarbeit - Eine Welt für sich": Gelungene Lesung am Internationalen Hurentag in der 12-Apostel-Kirche (2009)

Pfarrer Fuhr begrüßt die Gäste

Prostituierte, Freier, Stricher, Kunden: Sie alle kamen bei einer szenischen Lesung am 2. Juni 2009, dem "Internationalen Hurentag", zu Wort - der "etwas andere Blick" auf eine für Viele recht unbekannte Szene regte zum Nachdenken an und erntete großen Applaus.

Der 2. Juni ist der "Internationale Hurentag": Dieses Datum soll an die Ereignisse von 1975 erinnern, als über 100 Prostituierte in Lyon/Frankreich eine Kirche besetzten, um auf ihre katastrophale Situation hinzuweisen. Die Bevölkerung und die Kirchenleitung unterstützten die Frauen, und der Streik weitete sich auch auf andere große Städte in Frankreich aus.
Hier wurden zum ersten Mal Prostituierte - ohne herkömmliche Klischees - sichtbar. Es handelte sich bei ihnen um berufstätige Frauen, die um ihre Menschenwürde kämpfen.

Hydra e.V., ein Verein, der die Belange der Prostituierten hier bei uns vertritt, organisierte anlässlich dieses Datums eine Veranstaltung: Die Lesung mit dem Titel "Sexarbeit - eine Welt für sich", die auf dem gleichnamigen Buch basiert, sollte Einsicht gewähren in eine soziale Realität. Hinter der Fassade von Glamour und Stigma sollen hier die Frauen und Männer eine Stimme erhalten. Die Schauspieler Ulrike Johannson und Thor W. Müller trugen zehn authentische Texte vor, begleitet durch Toncollagen.

Lauschen in einer etwas anders dekorierten Kirche

- Weil Reaktionen auf die Veranstaltung wohl mehr sagen als eine reine Beschreibung, hier zwei Rückmeldungen von Gästen des Lesung:

"Die HYDRA-Lesung am 2. Juni 2009 war wunderbar, die Zwölf-Apostel-Kirche am Kurfürstenstraßen-Strich ein würdiger Rahmen und zugleich offener Ort mit einem sozial engagierten, sensiblen Pfarrer (Dr. Andreas Fuhr), der eine kluge und herzliche Begrüßungsrede hielt.
HYDRA hatte zwei Stunden vor Beginn der Lesung, also ab 18 Uhr, ein Buffet auf dem Kirchenvorplatz aufgebaut für die aktiven Frauen und ihre Unterstützerinnen - das wurde gut genutzt und veranlasste dann auch ca. zwanzig von ihnen, die Lesung zu besuchen - das erste Mal übrigens, dass anschaffende Frauen so zahlreich dabei waren.

Eine der Vorstandsfrauen von HYDRA und selbst aktive Frau wies in ihrer Begrüßung auf die politische Bedeutung des Internationalen Hurentages und die notwendige Unterstützung im Kampf um Respekt hin, und am Schluss der Veranstaltung verteilten die HYDRAS weiße und rosa Lilien an die im Paysex berufstätigen Frauen und an diejenigen, die sie sozialberaterisch oder politisch unterstützen.

Über achtzig Frauen und Männer saßen im Publikum, einige von ihnen aus Gesundheitsämtern oder Beratungseinrichtungen, unter ihnen auch Richter Percy Mac Lean (Felicitas Weigmann-Prozess Cafe PSSST) sowie eine Bordellbetreiberin. Es gab nach der Szenischen Lesung und meinem Kurzvortrag eine lebhafte Publikumsdiskussion.

Sponsor der Veranstaltung war das Quartiersmanagment Schöneberg-Nord.
Und die Schauspieler waren hervorragend."
(eine Besucherin)

Schufen Bilder im Kopf: Ulrike Johannson und Thor W. Müller

"02.06.09, Kreuzberg 36: meine Mitbewohnerin und ich machen uns auf in einen fernen Stadtteil: Schöneberg, in ein noch fernes Ambiente: zur Veranstaltung von Hydra in der "Zwölfapostelkirche" anlässlich der Kirchenbesetzung in Lyon und dem damit beginnenden Hurenstreik vor 34 Jahren.

Bevor die Veranstaltung begann, gab es vor der Kirche einen kleinen Snack. Wir aßen und schauten uns um, und ich erwischte mich darin nun jede Person, überwiegend Frauen, zu taxieren und mir zu überlegen, ob sie eine Prostituierte oder eine Interessierte oder beides ist.

Auf jeden Fall erfüllte keine das Bild im meinem Kopf, das, wenn ich ehrlich bin, wohl eher von Julia Roberts in Pretty Woman geprägt ist als von der Realität. Das ich das tat: taxieren; mitbekommen, dass ich versuche eine Kategorie zu machen und dieser Merkmale zuordnen möchte, und dass ich versuche, Frauen da rein zu packen, beschäftigt mich bis heute.

Auch die Veranstaltung ließ die Verarbeitungmaschine in meinem Hirn glühen. Ein Pfarrer, der sich über Highheals an seinen Kronleuchtern freut; eine Schauspielerin und ein Schauspieler, die nacheinander Zuhälter, Freier, sich Prostituierende und Puffbetreieberinnen sind und einem Schnipsel aus Biographien an die Kopf lesen, die fern scheinen, aber vielleicht ja gar nicht sind.
Viel zu verarbeiten für meinen Kopf. Was soll ich sagen: gut organisiert, liebevoll, warm, nah dran und verwirrend - vielen Dank!"

Liebe Grüße
Claudia"

text: Hydra/wolk; fotos: Hydra