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Prostitution und Menschenhandel: Geballte Information von Fachfrauen

Proppenvoll war der große Saal im Nachbarschaftstreffpunkt Huzur am 15. November 2011: An die 150 Leute, Nachbar/innen aus der Umgebung des Straßenstrichs und auch Interessierte von weiter her, viele Jüngere ebenso wie Seniorinnen und Senioren waren gekommen, um sich von vier Fachfrauen über die unterschiedlichen Facetten von Menschenhandel und dem Zusammenhang zur Prostitution informieren zu lassen.


Weg mit den Mythen über Prostitution und Menschenhandel

Prostitution ist nicht gleichzusetzen mit Menschenhandel – mit diesem Mythos räumte Dr. Nivedita Prasad, Projektkoordinatorin bei Ban Ying, der Beratungs- und Koordinationsstelle gegen Menschenhandel, gleich zu Beginn der Veranstaltung auf. Es gibt viele Frauen, die sich selbst für die Prostitution als Beruf entscheiden; eine solche Selbständige kann Freier ablehnen, auf die Benutzung von Kondomen bestehen, ihre Dienstleistung selbst gestalten und mehr als die Hälfte ihres Erlöses behalten. Opfer von Menschenhandel haben diese Freiheiten oder zumindest einige von ihnen nicht. In ihrer Beratungsstelle, so Frau Prasad, sei auch unerheblich, ob die Ratsuchenden legale Papiere hätten – ein Unterschied zur Unterstützung, die die Polizei gewähren kann. Wichtig seien für sie allein die Arbeitsbedingungen.

Auch Schleusung, eine heimliche Einreise ohne entsprechende Papiere, ist nicht per se ein Kennzeichen für Menschenhandel. Der beginne aber, wenn überhöhte Preise für diese Einreise im Zielland dann zu den Bedingungen der Schleuser abgearbeitet werden müssen.

Die typischen Merkmale für ein Menschenhandel, der zum Beispiel in die Zwangsprostitution führt, sind List, Zwang oder Täuschung: Hat die Frau (in Einzelfällen auch der Mann) gewusst, dass sie als Prostituierte arbeiten soll? Wäre für sie die Prostitution ein gangbarer Weg, sie wird aber zu unmenschlichen Arbeitsbedingungen gezwungen? Oder wurde sie getäuscht über ihr Arbeitsfeld im Rahmen der Prostitution – statt im Bordell zu kellnern oder Hausarbeit zu leisten, steht sie nun am Straßenrand oder nimmt Männer mit aufs Zimmer?

Wobei auch andere Berufe als Prostitution in den Bereich des Menschenhandels fallen können: Fast jede Art von Arbeit kann List, Zwang oder Täuschung unterliegen – Köchinnen, Hausangestellte, auch Erntehelfer und viele andere zählen nach Erfahrungen von Frau Prasad immer wieder dazu.

Und die Täter sind nicht wie üblich angenommen „Mafiosi“ mit Migrationshintergrund: Meist ist es „der nette Nachbar von nebenan“, der Deutsche, der da eine Verdienstmöglichkeit für sich gefunden hat …
Die meisten Opfer von Menschenhandel erreicht die Beratungsstelle Ban Ying über Freier, die beim Besuch von Prostituierten Verdacht schöpfen und das melden. Witzige Plakatkampagnen (zum Beispiel an den Wänden über Urinalen) weisen auf diese Möglichkeit hin. Und da für die Beratungsstelle ein legaler Aufenthaltsstatus unwichtig ist, laufen die Frauen nicht gleich Gefahr abgeschoben zu werden, sondern können entsprechend ihren Wünschen Unterstützung erhalten.

Vorgehen gegen Ausbeutung und Gewalt

Heike Rudat von der Polizei ist froh, dass Prostitution seit 2002 ein legales Gewerbe ist: Sie ist als Kriminaldirektorin und Leiterin des Dezernats Organisierte Kriminalität beim LKA Berlin zuständig für die Bereiche Banden- und Rotlichtkriminalität und Menschenhandel und kann sich aufgrund dieser gesetzlichen Lage auf die Täter konzentrieren, anstatt wie früher Prostituierte zu überwachen. Drei Kommissariate beschäftigen sich in Berlin mit Zuhälterei, sexueller Ausbeutung von Frauen, Männern und Kindern und der Bekämpfung von Kinderhandel und -prostitution – und sie sind auch im Gebiet um die Kurfürstenstraße aktiv.

Sechs- bis achttausend Prostituierte gibt es in Berlin, überwiegend Frauen. Die Opfer von Menschenhandel lassen sich aber schlecht in Delikt-Statistiken greifen: Schwere Menschenrechtsverstöße sind nicht durch Zahlen darzustellen, jeder einzelne Fall, so Frau Rudat, sei es wert tätig zu werden. Auch ihrer Erfahrung nach gibt es in Deutschland nicht den klassischen „Paten“, statt in organisierter Kriminalität gleichen die Strukturen eher mittelständischen Unternehmen oder die Gewalt kommt aus dem sozialen Nahbereich. Insofern betrifft der Menschenhandel auch Deutsche – es komme auf die von Frau Prasad beschriebene Ausbeutung an, nicht auf die Herkunft.

Doch auch freiwillige Prostituiert sind oft Opfer unfassbarer körperlicher und psychischer Gewalt, und gerade die körperliche Gewalt – die Frauen werden massiv geschlagen – wächst nach Frau Rudats Erfahrungen in letzter Zeit sehr.

Ihr Appell: Wer mit dem Gefühl „da stimmt etwas nicht“ nicht zur Polizei gehen wolle, der solle sich doch bitte an die Beratungsstellen wenden. Wichtigstes Ziel sei, den Menschenhandel einzudämmen und den Tätern die Grundlage zu entziehen.

Hilfsangebote und Vermittlung

Die Vermittlung an Beratungsstellen, in Zufluchtswohnungen oder teils auch an die Polizei gehört zu den Unterstützungsangeboten, die der Frauentreff Olga direkt an der Kurfürstenstraße bietet. Michaela Klose, Leiterin des „Olga“, berichtet aber auch von den Abhängigkeiten der Frauen vom Straßenstrich: Die Zeiten von „Christiane F.“, als viele Frauen vom Drogenstrich direkt an der Nadel hingen, seien großteils vorbei. Von den jetzigen Straßenprostituierten stammt etwa die Hälfte aus Ländern wie Polen, Tschechien, Bulgarien oder Ungarn, und viele erhalten von ihren als „Freunde“ oder „Beschützer“ auftretenden Zuhältern Aufputschmittel, ohne die sich teils zwölf bis vierzehn Stunden Arbeit auf dem Strich – immer schön aufmerksam und wach – gar nicht durchhalten lassen.

Wie abhängig die Frauen, Deutsche ebenso wie jene aus anderen Ländern, von Partnern oder Substanzen seien, lasse sich oft überhaupt nicht erkennen: Sie treten in der Öffentlichkeit selbstbewusst auf, ohne ihren labilen oder angeschlagenen Zustand zu zeigen. Freiergewalt, häusliche Gewalt, körperliche Misshandlungen – auch vieles von dem, was bei der monatlichen Polizeisprechstunde im Treff zu Sprache komme, sei „von außen“ erst mal nicht sichtbar.

Wichtig ist im Olga deswegen auch die psychosoziale Betreuung und Substitution: So haben die Frauen die Chance, sich aus dem Drogenkonsum heraus zu stabilisieren, vielleicht sogar an ausstiegsorientierten Projekten im Treff teilzunehmen. Substitution, also der Ersatz illegaler Drogen durch ärztlich überwachte Einnahme legaler Präparate, helfe den über Jahre hinweg chronisch Suchtkranken. Ein langer Prozess: „Zack – clean!“, das gebe es nicht.

Doch neben HIV-Prävention, Kleiderkammer oder der Gelgenheit, sich im Café des Olga einfach mal auszuruhen, gebe es auch die andere Zielrichtung des Olga: Aggressive Anmache auf der Straße, allzu knappe Bekleidung, Prostitution vor Kita, Schulen oder Moscheen – all das sind Missstände, die im Treff gemeldet werden können. „Den Frauen, die hier neu ankommen, ist am Anfang oft gar nicht bewusst, dass sie in einem ganz normalen Kiez mit Familien stehen“, beschreibt Frau Klose die Vermittlung zwischen den Wünschen der Anwohner/innen und den Frauen. „Wir versuchen Orientierung zu bieten: Was geht hier, und was nicht – wo kann ich stehen, und wo geht das gar nicht.“ Sprachmittlerinnen können auch auf die Prostituierten aus anderen Ländern zugehen und auf sie einwirken – daher sei die Rückmeldung aus dem Umfeld sehr wichtig, um ein einvernehmliches Miteinander zu unterstützen.

Hohe Fluktuation und wachsende Gewalt

Die Anzahl der Prostituierten auf dem Straßenstrich an der Kurfürstenstraße hat sich weder durch die Legalisierung von Prostitution als Gewerbe im Jahr 2002 noch durch die EU-Öffnung erhöht, so stellte Frau Rudat vom Landeskriminalamt bei der anschließenden Diskussion klar. Durch die inzwischen sehr hohe Fluktuation sähe man jetzt immer wieder neue Gesichter an wechselnden Standorten, was diesen Eindruck hervorrufe. Im Unterschied zu früher könne die Polizei nun jedoch die Täter verfolgen statt der Frauen.

Die Gegend sei im Gegensatz zu früher auch kein expliziter Drogenstrich mehr, an dem Frauen (und Männer) direkt für den Konsum harter Drogen „anschaffen“ - nun werden die Frauen mittels Drogen unter Kontrolle gehalten. Und entgegen der landläufigen Meinung gebe es laut Polizeistatistiken rund um die Kurfürstenstraße auch nicht mehr Straftaten als in anderen Bereichen mit vielen Geschäften und Publikumsverkehr.

Was sich jedoch verändert hat, ist die Aggressivität vor Ort, sowohl zwischen Zuhältern und Prostituierten, als auch zwischen den Frauen untereinander, die Gewalt ist insgesamt angestiegen. Dass dennoch Regeln eingehalten werden, darum kümmert sich neben der Polizei auch der Frauentreff Olga: Gewalt untereinander ist in Deutschland nicht legal und auch kein Mittel zur Konfliktlösung, das versuchen die Mitarbeiterinnen streitenden Frauen klar zu machen.

Mithilfe gegen Gewalt - trotz organisierter Netzwerke

Dass Gewalt von Zuhältern oder Freiern nicht „normal“ sei, würden viele Frauen erst nach mehrmaliger Meldung durch Außenstehende an Polizei oder Beratungsstellen auch für sich selber  wirklich annehmen, so die Erfahrung von Frau Prasad. Deswegen, so ihre wie auch die Bitte von Seiten der Polizei, sollte man auf alle Fälle melden, wenn man Gewalt beobachte – oder auch, wenn einem sonstige „seltsame“ Dinge wie offensichtlich unter Drogen stehende Frauen auffielen.

Im Zusammenhang mit dem Menschenhandel, den man ja von außen erst mal nicht erkennen kann, macht vor allem die starke Fluktuation die Sache schwieriger: Dass regelmäßig Reisebusse voller Frauen kämen ist eine Mär. Aber die „Versorgung“ des Straßenstrichs mit „neuen Frauen“ funktioniert auffällig reibungslos und ist offenbar bestens im Netzwerk organisiert: Klar, dass niemand täglich 15 bis 16 Stunden Arbeit auf dem Strich lange durchhält, die Frauen sind oft nach zwei oder drei Wochen wieder „weg“. So können sie keine Aussage mehr machen, die zur strafrechtlichen Verfolgung von Misshandlungen oder Menschenhandel führen würde.

Wo soll dieses Gewerbe hin?

Einen weiteren Aspekt brachte Christiane Howe ein, Moderatorin des Abends und als Soziologin Verfasserin einer vom Bezirk Tempelhof-Schöneberg beauftragten Studie zur Situation am Straßenstrich:
Die Grundproblematik vor Ort liege darin, dass es (im Gegensatz zu Mauerzeiten mit vielen offen stehenden Brachen im Umfeld) keinen Ort mehr für den Vollzug sexueller Dienstleistungen mehr gebe. Stattdessen gehen Freier und Prostituierte in dunkle Anwohnerstraßen und werden von dort wieder verdrängt, die ganze Szene ist in stetiger Umschichtung und Bewegung – keine Ausweitung, sondern eine Verlagerung. Gemeinsam mit den Anwohnern müsse man nun an der politischen Entscheidung feilen: Wo soll dieses Gewerbe hin?

Neben Vorschlägen aus der Studie (z.B. Aufklärung der Frauen und Freier durch Piktogramme gegen die Verschmutzung) diskutiert ein kleiner Kreis engagierter Anwohner/innen Möglichkeiten wie die Aufstellung von „Verrichtungsboxen“ für Autos und Laufkundschaft, die Ergebnisse werden in eine Bürgerausstellung zum Thema Straßenstrich mit einfließen.

Appelle an Politik, Freier und Nachbar/innen

Solche Lösungen zu finden, sei eine Aufgabe, die gemeinsam mit allen Beteiligten und vor allem auch mit den Politikern gefunden werden müsse, so auch Frau Rudat in ihrem Schlusswort. Die Polizei sei mit Mitwirkung der Öffentlichkeit zuständig für die Verfolgung von Straftaten wie zum Beispiel den Menschenhandel – aber kein Problemlöser für gesellschaftliche Probleme.

Um Mithilfe bat auch nochmals Frau Prasad von Ban Ying: Wenn sich jemand Sorge wegen eines möglichen Menschenhandels mache, solle er bitte – möglichst mit sachlichem Hintergrund und nicht aufgrund fantasievoller Schreckensszenarien - bei der Beratungsstelle anrufen, so dass diese tätig werden könne.

Meldungen nicht nur wegen Straftaten, sondern gerade auch Wünsche zum Verhalten der Frauen auf der Straße sind beim Frauentreff Olga an der richtigen Stelle: Dort, so Frau Klose, werden sie aufgenommen und über die Streetworkerinnen direkt an die Frauen weitergegeben.

- Wir bedanken uns an dieser Stelle noch einmal sehr herzlich bei den Organisator/innen der Veranstaltung, Gerhard Haug, Rolf Hemmerich und Christiane Howe, und beim Nachbarschaftstreffpunkt Huzur für den schönen Saal. Ein großes Lob auch an die Fachfrauen auf dem Podium: Sie konnten ihr großes Wissen so vermitteln, dass alle Gäste auch schwierige Zusammenhänge verstanden – sehr sachlich und gleichzeitig sehr engagiert, vielen Dank.

Die Veranstaltung wurde vom Quartiersmanagement Schöneberger Norden finanziell gefördert.
Träger war der Verein Netzwerk StadtRaumKultur e.V..

text: wolk; grafik: Einladungsplakat